Schreibt Japan nicht ab!

17. Februar 2010  

Tokio (JAPANMARKT) – Japan Airlines ist insolvent, Toyota verliert ihren Qualitätsruf,  dem Staat droht der Bankrott. Doch diese düsteren Schlagzeilen der letzten Wochen führen in die Irre - Japan ist keineswegs dem Untergang geweiht, sondern besitzt immer noch Strahlkraft, meint Martin Fritz.

Der Absturz ist in der jüngeren Geschichte der Industrieländer beispiellos: Seit zwanzig Jahren stagniert die japanische Wirtschaft, 2009 schrumpfte sie um fünf Prozent. In diesem Jahr wird China Japan als zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt ablösen. Der Staat selbst ist Schuldenweltmeister und finanziert seinen Haushalt zur Hälfte auf Pump.

Auch die Konzerne der Japan AG wirken schwach: Sony kann kaum noch mit ihren südkoreanischen Konkurrenten mithalten. Japan Airlines braucht Gläubigerschutz. Toyota hat die Qualitätsführerschaft in der Automobilindustrie eingebüßt. Koito, weltgrößter Hersteller von Flugzeugsitzen, fälschte jahrelang Sicherheitsdaten.

All dies sind keine schönen Entwicklungen. Dennoch besteht kein Anlass, Japan abzuschreiben. Nippons Sonne geht noch lange nicht unter.

Der eurozentrische Blick auf die Weltkarte verdeckt, dass Japan wie kaum ein anderes Land vom Asien-Boom profitiert. China liegt direkt vor Japans Haustür. Im Dezember ging bereits knapp ein Drittel der Exporte nach Asien. Viele japanische Konzerne haben auf den Märkten in Asien längst Fuß gefasst – von Suzuki in Indien bis zu Shiseido in China. Deutschen Firmen wird sogar empfohlen, sich in japanische Firmen einzukaufen, um so am chinesischen Wachstum teilzuhaben.

Wenn China beim Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr an Japan vorbeizieht, dann hat dies nur statistische Bedeutung. Genauso wurde Deutschland Anfang der siebziger Jahre von Japan überholt – ist die deutsche Wirtschaft dadurch schwächer geworden? Außerdem hat Japan zehn Mal weniger Menschen als China – der einzelne Japaner ist also zehn Mal reicher als ein Chinese.

Japans herstellende Industrie bleibt in vielen Bereichen an der Weltspitze. Ob Autos, Solaranlagen, Roboter oder Kernkraftwerke – bei Maschinen und Konsumwaren mischen japanische Hersteller weltweit mit. So sind viele Bestandteile von Apple-Produkten Made in Japan: Den Flashspeicher für den iPod liefert zum Beispiel Toshiba. Die Industrie erzeugt über ein Fünftel der Wirtschaftsleistung – viel mehr als in den USA oder Großbritannien.

Das Schuldenproblem des Staates wird übertrieben. Netto ist die Last nur halb so hoch, weil Japan große Devisenreserven und Ersparnisse hat. Die Bedienung der Schulden kostet die Regierung nur 1,3 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt – in den USA sind es 1,8 Prozent. Zudem werden die Schulden zu 95 Prozent von Japanern gehalten, die Hälfte davon von Staatsinstitutionen wie der Postbank, der Pensionskasse und der Notenbank. Ein Anleihen-Crash wie jetzt in Griechenland ist daher unwahrscheinlich.

Das soll die großen Herausforderungen nicht leugnen, vor denen Staat und Wirtschaft stehen: Das PR-Desaster von Toyota zeigt, dass das Management der Japan AG nicht global denkt, sondern in seiner Inselmentalität steckengeblieben ist. Das darf nicht so bleiben, wenn die Unternehmen den internationalen Wettbewerb langfristig überleben wollen.

Regierung und Notenbank müssen zusammen die Seuche der Deflation bekämpfen, die seit anderthalb Jahrzehnten die Wirtschaft schwächt. Strukturreformen würden den Übergang zu einer Dienstleistungsgesellschaft beschleunigen. Es gibt zu viele „working poor“ – der Niedriglohnsektor sollte schrumpfen. Eine höhere Mehrwertsteuer könnte die Schuldenwende einleiten.

Dieses Umdenken wird nicht einfach sein. Aber es hat bereits begonnen: Die Liberaldemokratische Partei wurde nach fünfzig Jahren von den Wählern abserviert. Diese politische Revolution geht inzwischen weiter, denn die Reformregierung Hatoyama stellt alte Gewohnheiten und Regeln radikal in Frage.

Die aktuellen Krisen lassen sich auch positiv deuten: Die Pleite von Japan Airlines ist ein Zeichen, dass der Staat marode Firmen nicht mehr mit Steuergeld am Leben erhält. Der Sockelsturz mit den Gaspedalen sollte Toyotas Arroganz kurieren und den Konzern neue Demut gegenüber seinen Kunden lehren.

Es ist viel zu früh, um Japan abzuschreiben.

Foto: flickr / Starfires

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