Licht aus für mehr Kinder

22. Januar 2010  

Tokio (JAPANMARKT) - Bei Shiseido gehen konsequent um 22 Uhr die Bürolichter aus, und die Finanzbeamten sollen demnächst um 18 Uhr nach Hause gehen – offiziell für eine „bessere Balance zwischen Arbeit und Freizeit“. Doch es geht auch um mehr Gelegenheiten für zwischenmenschliche Begegnungen und eine höhere Geburtenrate.

Finanzminister Naoto Kan hat als eine seiner ersten Amtshandlungen einen Ausschuss eingerichtet, der Vorschläge für bessere Arbeitsbedingungen erarbeiten wird. Die Mitarbeiter sollen sich an Wochentagen abends privat verabreden können, erklärte das Finanzministerium das Ziel. „Wir setzen damit ein Beispiel für alle Ministerien“, sagte Kan. Japan könnte sich zum Beispiel am britischen Schatzamt orientieren, dessen Beamte bereits um 18 Uhr das Haus verlassen, ohne weniger produktiv zu sein.

Hinter Kans Vorstoß steckt einerseits die Absicht, die Macht der Ministerialbeamten zu beschränken. Viele Beamten schreiben spät abends noch die Reden von Abgeordneten für den nächsten Tag. Andererseits haben Wirtschaft und Politik erkannt, dass die langen Arbeitszeiten in Japan eine Ursache für die niedrige Geburtenrate ist.

Beim Kosmetikhersteller Shiseido werden die Lichter in den Büros seit einem Jahr um 22 Uhr zwangsweise abgedreht. Wer danach immer noch in der Firma ist, wird namentlich notiert. Zunächst schafften es viele Angestellte nicht, ihre Aufgaben in der verkürzten Zeit zu erledigen. Doch inzwischen haben sie sich an den neuen Arbeitsrhythmus gewöhnt, berichtet die Zeitung Mainichi. Währung einer „Work-Life-Balance“-Woche im November wurde das Ende der Arbeitszeit sogar auf 20 Uhr vorgezogen.

Der Wirtschaftsverband Keidanren hatte bereits im Herbst 2008 „mutige“ Maßnahmen gegen die sinkende Geburtenrate verlangt. Sie würde das Wachstum und die Wettbewerbsfähigkeit des Landes bedrohen. Sonst werde die Bevölkerung in den nächsten 50 Jahren um 30 Prozent schrumpfen, die Zahl der Menschen im Arbeitsalter sogar um 50 Prozent.

Keidanren forderte deswegen seine rund 1600 Mitglieds-Unternehmen zu „Familien-Wochen“ auf, damit deren Mitarbeiter häufiger mit ihren Kindern spielen können und mehr Gelegenheiten bekommen, Kinder zu machen.

Der Appell stieß damals bei Firmen wie dem Energieunternehmen Nippon Oil, dem Textilhersteller Toray und der Fluggesellschaft Ana auf offene Ohren: Bei Nippon Oil mussten die Mitarbeiter die Firma bereits um 19 Uhr verlassen. Wer länger bleiben wollte, brauchte dafür eine Genehmigung. Auch am Wochenende durfte niemand zur Arbeit kommen.

„Bitte geht früher nach Hause“, rief Shinji Nishio, Präsident von Nippon Oil, seine Angestellten zum Auftakt von zwei „Familien-Wochen“ auf. „Die alternde Gesellschaft und sinkende Geburtenrate sind auch unser Problem. Wir erwarten Eure aktive Mitarbeit.“

Bisher lassen viele Japaner die „aktive Mitarbeit“ vermissen: Laut einer Umfrage des Japanischen Familienplanungs-Verbandes aus dem Jahr 2008 hatte mehr als ein Drittel der Paare unter 49 Jahren keinen Sex im vorangegangenen Monat. Viele Befragte erklärten, sie seien wegen Überarbeitung zu müde für Aktivitäten im Bett. „Die Paare müssen einfach mehr Zeit miteinander verbringen“, sagte Kunio Kitamura, Präsident des Familienplanungs-Verbandes. „Am Anfang reicht es, einfach nur zusammen zu sein, auch wenn es sich nur um gemeinsames Fernsehen handelt.“

In der Tokioter Zentrale von Nippon Oil tönte jeden Abend um 20 Uhr über die Lautsprecher in den Großraumbüros eine Ballade aus dem Disney-Film „Pinocchio“, um die Angestellten an die Liebsten zuhause zu erinnern. Einige Familienväter nutzten den vorgezogenen Feierabend zu einem ausgiebigen Umtrunk mit Kollegen.

Wer früher als sonst nach Hause ging, wurde von der Familie zunächst wie ein Außerirdischer behandelt. „Meine Kinder haben mich gefragt, ob ich krank sei“, erzählte ein Mitarbeiter.

Der typische japanische Konzernangestellte sieht seine Kinder nämlich meistens nur am Wochenende, weil er an den Werktagen abends sehr spät nach Hause kommt und die Wohnung schon früh morgens wieder verlässt.

Die Arbeitszeiten in Japan sind nach Südkorea und den USA die längsten der Welt. Japanische Arbeitnehmer nehmen im Jahr nur 8,3 Tage Urlaub, weniger als die Hälfte der 20 Tage, die den meisten zustehen.

Foto: flickr / pjan vandaele

Kommentare

Bitte schreiben Sie hier Ihren Kommentar...
Hier gibt es mehr Informationen, falls Sie ein Profilbild mit ihrem Kommentar anzeigen möchten gravatar!