JAL-Pleite testet Reformwillen
20. Januar 2010
Tokio (JAPANMARKT) - Der Konkurs von Japan Airlines ist eine Folge des bisherigen starken Einflusses der japanischen Politik und Bürokratie auf staatsnahe Unternehmen. Dabei hatten die Prioritäten von Lokalpolitikern und Beamten oft Vorrang vor nationalen und unternehmerischen Interessen. Die Reformregierung Hatoyama will mit diesen Gewohnheiten offenbar brechen, kommentiert Martin Fritz die Ernennung von Management-Guru Kazuo Inamori zum JAL-Chefsanierer.
Die konservativen Vorgängerregierungen haben Japan mit Flughäfen regelrecht gepflastert: Für das Inselland mit seinen 130 Millionen Bewohnern wurden in den letzten Jahrzehnten fast 100 Flughäfen errichtet - die dabei geschaffenen Arbeitsplätze münzten die Politiker in Wählerstimmen um. Zugleich konnten sie dadurch Spenden der lokalen Baufirmen einsammeln.
JAL musste einen Großteil dieser neuen Airports in ihren Flugplan aufnehmen, obwohl sich viele Verbindungen wegen zu weniger Passagiere und auf Grund von überhöhten Gebühren nicht gewinnbringend betreiben ließen. Hohe Ministerialbeamte benutzten Japan Airlines für gut dotierte Posten nach ihrer Pensionierung. Im Gegenzug konnte sich JAL darauf verlassen, dass die Löcher in ihrer Kasse vom Staat immer wieder gestopft wurden.
Bei der JAL-Sanierung sollen nach dem bisher vorliegenden Plan der staatlichen Enterprise Turnaround Initiative nur 17 von 136 Inlandsstrecken wegfallen. Hinter den Kulissen kämpfen viele Abgeordnete der neuen Regierungspartei bereits dagegen, dass “ihr” Wahlkreis davon betroffen wird.
Auch die nationale Luftverkehrspolitik orientierte sich bisher an lokalpolitischen Interessen. Das Geld für Flughäfen wurde zum Beispiel nicht in Tokios internationalen Flughafen Narita investiert, sondern lieber in strukturschwache Gebiete wie Ibaraki im Norden von Tokio geleitet.
Narita hat nur zwei Start- und Landebahnen, eine davon war bis letztes Jahr sogar zu kurz für vollbesetzte Jumbo-Jets. Die Kapazität dieses Flughafens ist so klein, dass er nur mit 8 Städten in Japan verbunden ist. Die meisten Japaner müssen nach Haneda fliegen und von dort mit Bus und Zug nach Narita weiterfahren.
Viele benutzen deshalb den koreanischen Flughafen Incheon, wenn sie ins Ausland wollen. Incheon ist mit 16 japanischen Städten verbunden. Korean Air nutzt diese Routen als Zubringer zu ihren preisgünstigen internationalen Strecken. Verkehrsminister Seiji Maehara hat deshalb Incheon Japans “Luftverkehrsknoten” genannt.
Die japanische Luftverkehrspolitik hat also die nationalen Carrier JAL und ANA (All Nippon Airways) belastet und die Konkurrenz aus dem Nachbarland gefördert. Im März geht in Ibaraki der 98. Flughafen von Japan in Betrieb: Seine bisher einzige Flugverbindung führt nach - Incheon.
Nächstes Jahr wird Narita seine Kapazität um 20 Prozent und Haneda seine Starts und Landungen um 40 Prozent erhöhen. Die Politik steht bei diesem “Big Bang” in Japans Luftverkehr vor der schwierigen Aufgabe, die Start- und Lande-Slots so zu verteilen, dass dabei zuerst die nationalen Interessen Berücksichtigung finden.
Wirtschaftlich vernünftig wäre es zum Beispiel, Haneda zu einem internationalen Drehkreuz auszubauen. Doch bei einem ersten Vorstoß in diese Richtung hat sich Verkehrsminister Maehara bereits eine blutige Nase geholt.
Hoffen lässt die Berufung von Kazuo Inamori an die Spitze von Japan Airlines. In der Transportindustrie ist der 77-jährige Gründer von Elektronikkonzern Kyocera zwar nach eigenen Worten ein “kompletter Anfänger”. Aber er gilt als ein Meister der Deregulierung, der trotz seines sanften Auftretens hart durchgreifen kann.
Wegen seiner guten Beziehungen zu Ichiro Ozawa, dem mächtigen Generalsekretär der Demokratischen Partei, verfügt Inamori zudem über den direkten Draht in die Regierung, um seine Änderungswünsche für JAL gegen politische Einflüsse durchsetzen zu können.
Inamori erfand die Theorie vom Amöben-Management. Danach schmiedet jede Firmeneinheit ihre eigenen Pläne, um die Ziele eines Unternehmens zu erreichen. Auf diese Weise erhält jeder Angestellte eine aktive Rolle in der Firma. So könnte er auch den JAL-Mitarbeitern moralischen Auftrieb geben.
Der Unternehmer aus Kagoshima hat sich aus kleinen Verhältnissen hochgearbeitet und gehört damit nicht zur traditionellen japanischen Elite. In seinem Buch “Achte das Göttliche und liebe die Menschen” beschreibt er, wie er durch die Konzentration auf das Menschliche viele Hindernisse in seinem Leben überwand.
Nach der Ausbildung zum buddhistischen Mönch und der Weihe zum Priester lehrte Inamori zuletzt Manager und Unternehmer seine Philosophie. Nun kann er bei Japan Airlines erneut beweisen, dass sie auch eine praktische Bedeutung hat.
Foto: flickr / ykanazawa1999






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