Interview: Anleger verlieren Geduld
8. Februar 2010
Tokio (JAPANMARKT) – Japans Staatschulden werden im Jahr 2010 laut Schätzung des Internationalen Währungsfonds 227 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmachen. JAPANMARKT hat Martin Schulz, Senior Economist am Fujitsu Research Institute in Tokyo, zur Schuldenpolitik der Regierung befragt. Seine Empfehlung: Deflation bekämpfen, Produktivität steigern.
Frage: Japans Staatsschuld soll bald 200 Prozent des Bruttoinlandsprodukt übersteigen. In diesem Jahr erhöht sich die Nettoverschuldung um weitere 44 Billionen Yen. Wie lange geht diese Politik noch gut?
Martin Schulz: Entscheidend ist nicht unbedingt die absolute Höhe der Staatsverschuldung, sondern vielmehr die Finanzierbarkeit des Schuldendienstes und das Vertrauen der Investoren in die Fähigkeit Japans, ein glaubwürdiges längerfristiges Konzept zum Schuldenabbau vorlegen zu können. Dank Japans großer Reserven und langfristig niedriger Zinsen konnte sich die zuvor jahrzehntelang regierende LDP um entsprechende Pläne herumdrücken.
Frage: Auch die seit letztem Sommer regierende DPJ hat bisher Pläne zum Schuldenabbau vermissen lassen.
Die gegenwärtige DPJ-Regierung ist entgegen ihren Wahlversprechungen völlig im tagespolitischen Krisenmanagement stecken geblieben. Bisher hat dies zwar noch nichts daran geändert, dass japanische Anleger ihr Geld zur Bank tragen und diese damit Verschuldung finanzieren. Aber die Geduld der Anleger und Steuerzahler neigt sich dem Ende zu und ohne klare Pläne wird sich keine Regierung in Japan mehr lange halten können.
Frage: Wie könnte Japan seinen Schuldenberg abtragen?
Grundsätzlich gibt es vier Kanäle, über die die Regierung einen Ausweg aus der Verschuldung suchen kann. Ausgabensenkung: Politisch notwendig für jeden weiteren Reformschritt. Hier gibt es aufgrund des traditionell schlanken Staates jedoch nur wenig Spielraum. Steuererhöhung: Politisch nur schrittweise umsetzbar und während einer Krise ökonomisch kaum sinnvoll. Gemäßigte Inflation: Hierzu müssen die Regierung, das Finanzministerium und die Bank of Japan eng kooperieren. Die Nachfrage muss auf breiter Front steigen. Produktivitätssteigerung: Innovationsförderung statt Verschleppung des strukturellen Wandels.
Frage: Welche dieser vier Maßnahmen ist am Wahrscheinlichsten?
Aufgrund des bereits hohen Schuldenniveaus wird Japan sich nur durch die gleichzeitige Anwendung dieser Mittel effektiv entschulden können. Entscheidend ist es daher, die richtigen Schritte in der richtigen Balance zu machen. Es gibt bereits einen breiten Konsens, dass Ausgabensenkungen Steuerhöhungen erträglich machen müssen und die Deflation effektiver bekämpft werden muss. Das große Problem werden die notwendigen Reformen zur Effizienzsteigerung und Erhöhung der Einkommen darstellen. In diesem Bereich steckt Japan noch völlig fest.
Martin Schulz ist Senior Economist am Fujitsu Research Institute in Tokyo.






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